Comeback der Hagebutte
- 22. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Aug.

Ich war dieses Jahr schon Ende August am Bodensee unterwegs, um Hagebutten zu sammeln, deutlich früher, als die meisten das erwarten würden. Aber es waren nicht die schlanken Früchte der klassischen Hundsrose, sondern die dicken, fast schon kartoffelförmigen Hagebutten der Kartoffelrose, die bei uns oft reifen, während die der Hundsrose noch grün und hart an den Zweigen hängt. Für mich ist das jedes Jahr der Startschuss für die Hagebuttensaison, denn aus genau diesen fleischigen Früchten wird bei mir jetzt am liebsten Hagebuttenmus gemacht.
Die Hagebutte gehört zu den Pflanzen, die fast jeder kennt, eher als hübsche Herbstdeko denn als wertvolle Nahrung und Vitaminquelle. Genau deshalb verdient sie ein Comeback: Wir schauen uns heute an, was wirklich in ihr steckt und wie unterschiedlich sich ihre beiden häufigsten heimischen Verwandten sammeln und verarbeiten lassen.
Was ist eine Hagebutte eigentlich botanisch?
Die Hagebutte, die wir sammeln, ist streng genommen gar keine "richtige" Frucht, sondern eine Scheinfrucht. Das rot-orangene Fruchtfleisch, das wir essen, ist verdicktes Blütengewebe. Die eigentlichen Früchte der Pflanze sind die kleinen, harten, haarigen Nüsschen (Achenen) im Inneren und genau die tragen die feinen Reizhärchen, die für das berühmte Juckpulver-Gefühl sorgen. Das gilt für alle Rosenarten gleichermaßen.
Am häufigsten begegnen uns zwei Arten von Hagebutten:
Die Hundsrose (Rosa canina) ist die heimische, wild wachsende Wildrose, mit der die meisten "die" Hagebutte automatisch verbinden: Schlanke, längliche Früchte mit vergleichsweise dünnem Fruchtfleisch. Ab September beginnen ihre Früchte zu reifen, du kannst sie bis weit in den Winter hinein sammeln. Nach dem ersten Frost werden sie milder im Geschmack, du musst aber nicht auf den Frost warten, um zu ernten. Kleiner Trick: Ich friere die Hagebutten nach dem Ernten einmal ein und lasse sie dann auftauen, das macht die Früchte weicher und erleichtert dir die weitere Verarbeitung.
Die Kartoffelrose (Rosa rugosa) stammt ursprünglich aus Ostasien, ist bei uns aber seit Langem eingebürgert und wird gern als robuste Hecken- und Gartenpflanze gepflanzt. Du findest sie deshalb oft eher an Wegrändern, in Parks oder Gärten. Ihren Namen verdankt sie den runzeligen, an Kartoffelblätter erinnernden Blättern. Ihre Hagebutten sind deutlich größer (oft über 2 cm im Durchmesser), runder und vor allem fleischiger als die der Hundsrose, genau das macht sie so ergiebig für Mus und Marmelade. Bei uns am Bodensee reifen sie oft schon im August, während die Hundsrose meist erst im September folgt, das ist meine eigene Beobachtung aus den letzten Jahren, keine feste Regel, denn Standort und Wetter spielen dabei mit rein.
Was wirklich in der Hagebutte steckt
Der Ruf der Hagebutte als Vitamin-C-Frucht kommt nicht von ungefähr. Getrocknetes Hagebuttenpulver der Hundsrose enthält rund 1.000 bis 1.500 mg Vitamin C pro 100 g, also deutlich mehr, als in einer frischen Zitrone (ca. 50 mg/100 g) steckt. Hagebutten zählen zu den vitamin-C-reichsten heimischen Wildfrüchten überhaupt. Vitamin C ist aber nur ein Teil der Geschichte. Hagebutten bringen außerdem Vitamin K und mehrere B-Vitamine mit, dazu Mineralstoffe wie Kalium, Magnesium, Calcium, Phosphor, Kupfer und Mangan. An sekundären Pflanzenstoffen stecken vor allem Polyphenole, Carotinoide (die für die kräftige rot-orange Farbe verantwortlich sind) und Gerbstoffe in Fruchtfleisch und Schale, dazu Ballaststoffe wie Pektin. Die Kerne wiederum enthalten ein aromatisches Öl mit einem hohen Anteil an Linol- und Linolensäure, zwei mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Ein Stoff aus dieser Gruppe verdient eine besondere Erwähnung: Galaktolipide. Mehrere Studien belegen, dass sie dem Hagebuttenpulver seine entzündungshemmenden Eigenschaften verleihen. Sie sind genau der Wirkstoff, der auch in der Arthrose-Forschung eine zentrale Rolle spielt.
Der folgende Punkt bezieht sich konkret auf die Hundsrose (Rosa canina). Ob sich das eins zu eins auf die Kartoffelrose übertragen lässt, ist meines Wissens nicht gesondert erforscht.
Traditionelle Verwendung bei Erkältung & Arthrose
In der Kommission-E-Monographie ist Rosae pseudofructus cum fructibus (Hagebutten) als Bestandteil traditioneller Anwendungen geführt, unter anderem findet sich Hagebutte bis heute als Zutat in etablierten Erkältungstee-Mischungen. Es macht Sinn, dass uns die Natur gerade im Winter mit dieser wundervollen Frucht beschenkt.
Was viele nicht wissen: Hagebuttenpulver gehört zu den am besten klinisch untersuchten heimischen Wildpflanzen überhaupt. Eine Metaanalyse mehrerer randomisierter, placebokontrollierter Studien fand eine moderate, aber statistisch signifikante schmerzlindernde Wirkung von Hagebuttenpulver bei einem Teil der Teilnehmenden mit Arthrose-Beschwerden. Moderat heißt hier ehrlich: Kein Wundermittel, aber eine reale, in Studien gemessene Wirkung und ein schönes Beispiel dafür, dass traditionelles Wissen und moderne Forschung sich nicht ausschließen müssen.
Hagebutten sammeln und sicher verarbeiten
Achte auf pralle, feste Früchte in kräftigem Rot-Orange. Wie bei allem Wildsammeln: Meide stark befahrene Straßenränder und offensichtlich gespritzte Flächen. Bei der Kartoffelrose lohnt sich der Blick in Parkanlagen, an Wegrändern oder in Gärten, dort wird sie häufig bewusst als Hecke gepflanzt.
Der wichtigste Schritt bei der Verarbeitung ist das Lösen des Fruchtfleischs von den haarigen Kernen. Am einfachsten geht das, wenn du die Hagebutten der Länge nach halbierst, die Kerne mit einem kleinen Löffel herauskratzt und das Fruchtfleisch danach durch ein feines Sieb streichst, so bleiben die Reizhaare zuverlässig zurück. Alternativ kannst du die gekochten Früchte auch durch eine Flotte Lotte geben. Bei der Kartoffelrose ist dieser Schritt sogar etwas entspannter: Weil die Früchte größer und fleischiger sind, hast du am Ende mehr Fruchtfleisch pro Frucht und dadurch eine bessere Ausbeute für den gleichen Aufwand.
Meine liebste Verwendung
Genau wegen dieser Fleischigkeit ist die Kartoffelrose für mich die erste Wahl, wenn ich Mus oder Marmelade machen will. Entkernte Hagebutten mit ein wenig Wasser weich kochen, durch ein Sieb/Flotte Lotte streichen, mit Honig süßen, evt. mit Zimt & Vanille verfeinern und fertig ist ein Mus, das sich im Kühlschrank einige Tage hält. Ich mache mir das morgens gern in meinen Porridge oder löffle es mit griechischem Naturjoghurt.
Mit den dünnfleischigeren Hundsrosen-Hagebutten funktioniert das im Prinzip genauso, du brauchst nur spürbar mehr Früchte für die gleiche Menge.
Eine weitere klassische Anwendung ist der Hagebuttentee: Einfach getrocknete, entkernte Hagebuttenschalen (beider Arten) mit heißem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen, und fertig ist dein wärmender Herbstbegleitertee.
Für mich ist die Hagebutte neben der Brennnessel das beste Beispiel für ein Comeback heimischer Wildpflanzen: Wir haben ihr lange keine Aufmerksamkeit geschenkt, inzwischen aber entdecke ich Hagebuttenpulver ganz selbstverständlich bei dm oder auch im Supermarktregal :)
Wenn dich das Thema heimische Wildpflanzen als Nährstoffquelle grundsätzlich interessiert, dann lies unbedingt auch meinen Artikel über Wildpflanzen als Superfood.
Quellen:
hagebutte.org: Nährwerte und Inhaltsstoffe der Hagebutte (Hundsrose).
"An Antiinflammatory Galactolipid from Rose Hip (Rosa canina) that Inhibits Chemotaxis of Human Peripheral Blood Neutrophils in Vitro", Journal of Natural Products.
Kommission E-Monographie: Rosae pseudofructus cum fructibus (Hagebutten).
Christensen R. et al. (2008): "Does the hip powder of Rosa canina (rosehip) reduce pain in osteoarthritis patients? – a meta-analysis of randomized controlled trials." Osteoarthritis and Cartilage.

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